Die Reise zu meinem Vater !

Mein Vater

Am 03. November 1943 fiel mein Vater bei Lubjanka/Kiew für „Führer, Volk und Vaterland“. Da ich Ende Januar 1944 in Mülheim/Ruhr, Styrum geboren wurde, habe ich ihn nie kennengelernt.

Es war für meine Mutter eine dramatische Zeit. Ehemann verloren, schwanger, Niederkunft und rundherum Bombenhagel. Bis zu meinem  8. Lebensjahr wuchs ich als Halbwaise bei ihr auf. Meine Mutter hat, aus verständlichen  Gründen, wenig über meinen Vater berichtet. Da ich als Kind spürte, dass es meiner Mutter schwerfiel über ihn zu reden, fragte ich nicht.

Ich wusste, dass er bei Kiew in Blistawica-Lubjanka gefallen und bestattet war, sein Grab war unklar.

Mein Vater stammte aus Oberhausen/Rhld, dort wurde er 1912 geboren. Er erlernte den Beruf eines Schlossers und arbeitete in seiner Heimatstadt auf der Zeche Concordia als Lokführer unter Tage. Einige der wenigen Informationen meiner Mutter war, dass mein Vater raus aus dem Pütt wollte  aber keine Stelle fand. Als die SA (Teil der NSDAP) ihm eine Stelle in Aussicht stellte, wurde er Mitglied. Laut meiner Mutter war er kein Anhänger Hitlers. Als das Versprechen nicht eingelöst wurde, trat er wieder aus, in Ehren wie seiner Austrittsbestätigung zu entnehmen ist. Im Oktober 1939 wurde mein Vater gemustert und der Ersatzreserve 1 zugeordnet. Er wechselte beruflich zu den Hermann Göring Werken und arbeitete bei Borsig in Dortmund. Im Sommer 1942 wurde er als Richtschütze zur schweren Artillerie eingezogen und der Heeresgruppe Mitte des Russlandfeldzuges zugeordnet. Ende Juli 1943 war er zum letzten Mal auf Heimaturlaub. Danach nahm das Schicksal, im doppelten Sinn, seinen Lauf.

Gesucht und gefunden

Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Loslösung der Ukraine fand ich, mithilfe meiner Schwester, zu Beginn des neuen Jahrtausends, den entscheidenden Hinweis zum Grab meines Vaters. Anhand der Daten des Wehrpasses und aus Unterlagen meiner Mutter, konnte die Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Volksbund), mir den Ort der Bestattung mitteilen. Die bisherige Grabstätte würde aufgelöst werden und mein Vater wurde in die Sammelgrabanlage Kiew umgebettet. Natürlich wurde ich sofort Mitglied des Volksbundes. Ich interessierte mich fortan für deren Arbeit und beobachtete die Fertigstellung der Grabanlage.

2018 nahm ich erstmalig Kontakt mit dem Büro des Volksbundes in Kiew auf und sondierte einen Besuch. Anfang 2019 entschied ich mich, das Grab, gemeinsam mit meinem Freund Christian, in der Zeit vom 01.10. bis 06.10. 2019 in Kiew zu besuchen. Wieder war das Büro sehr hilfreich. Damit begann eine spannende, äußerst interessante Zeit mit vielen, auch sehr persönlichen Eindrücken. Auffallend waren die Schnelligkeit und die Hilfsbereitschaft des Büros in Kiew.
In Sichtweite der Reise interessierten mich nun die Umstände des Todes meines Vaters näher, ich recherchierte intensiv in alten Wehrmacht-Archiven. Zusammen mit meinen spärlichen Informationen konnte ich den Ort und die Militäraktion rekonstruieren, bei der mein Vater gefallen ist.

Er war damals Gefreiter-Richtkanonier einer 15-cm-schweren Feldhaubitze, Teil der 4. deutschen Panzerarmee. Im Frühjahr und Sommer 1943 stieß die Rote Armee innerhalb weniger Monate zum Donez und Dnjepr vor, befreite das Donezbecken, erreichte Kiew und bereitete sich auf den Angriff auf die Stadt vor. Die 4. Panzerarmee stellte sich dem entgegen. Am Morgen des 3. November 1943, war der Standort meines Vaters vermutlich auf einem Feld nahe dem Dorf Lub,yanke (Lubjanke). Dort fiel er direkt zu Beginn der Offensive der 1. Ukrainischen Front der Roten Armee auf Kiew. Wie meine Mutter später gehörte, durch den gezielten Angriff eines Stoßtrupps der Roten Armee.

Der Besuch des Grabes


Nach unserer Ankunft in Kiew, holte uns Gunnar Anschütz  von Büro des Volksbundes in Kiew am Mittwoch, dem 02.10.2019 am Hotel im Stadtteil Podil ab, um uns zum Friedhof zu begleiten. Nachdem ich bereits zuvor nach dem Ort des Todes meines Vaters  gefragt hatte, wurde sofort umdisponiert und auch dort ein Besuch eingeplant. Ich war dafür sehr dankbar denn es bedeutete  einem ziemlichen Aufwand, die Verkehrsverhältnisse in der Millionenstadt Kiew sind heftig.

Der Ort Lub,yanke stellte sich als ein trostloser Flecken, mit wenigen Häusern, einem Supermarkt und einem orthodoxen Gotteshaus heraus. Als wir Gunnar Anstoß nach den Umbettungen befragten, bekamen wir noch eine Zugabe. Er fuhr mit uns zu einem Ort, in dem mitten in einem Park, nach Gräbern gegraben wurde. Insgesamt gab es Hinweise auf Überreste von 20 Wehrmachtsangehörigen. 16 hatten sie gefunden, 4 suchten sie noch. Der Volksbund leistet hier Sisyfos Arbeit. Die Gefallenen waren hier verscharrt. Sie wurden nach Aufzeichnungen gesucht. Dann beginnt die Arbeit der Identifizierung, bis sie dann endgültige Ruhe finden.

Anschließend fuhren wir zum Soldaten-Friedhof wo mein Vater mit 40.000 Kameraden begraben ist. Schon das Eingangs-Gebäude löste in mir eine gedrückte Stimmung aus. Dort lernte ich auch Tamara kennen, die Verwalterin der Anlage. Wir gingen dann gemeinsam zur Grabstätte. An jedem Gräberfeld steht eine Stehle mit den Namen der Gefallenen, die Gräber selber haben lediglich Nummern. Es hat mich sehr berührt, als ich sah, dass die Grabstätte meines Vaters mit einem Kreuz und Namensschild gekennzeichnet war. Ich habe rot/weiße Rosen und zwei Herzen aus Kohlenstaub aus dem Ruhrgebiet niedergelegt, da mein Vater  lange Untertage gearbeitet hatte. Mich überkamen große Gefühle, es war ein überwältigendes Erlebnis, zumal mein Vater vermutlich über die Schwangerschaft meiner Mutter nicht informiert war. Ich hatte meine Kindheit wieder vor Augen.

Später verabschiedete ich mich mit Dank für das zurecht machen des Grabes von Tamara. Auf der Rückfahrt haben wir Gunnar als kleines Dankeschön zum Mittagessen ins Praha eingeladen, einem wunderschönen Restaurant an einem kl. See an dem ein ganz besonderer Tag für mich sein Abschluss fand.

Später verabschiedete ich mich mit Dank für das Zurechtmachen des Grabes von Tamara. Auf der Rückfahrt haben wir Gunnar als kleines Dankeschön zum Mittagessen ins Praha eingeladen, einem wunderschönen Restaurant an einem kl. See an dem ein ganz besonderer Tag für mich sein Abschluss fand.

Die ganze Zeit war zu spüren, der Volksbund pflegt ein besonderes Selbstverständnis seiner Arbeit, dazu gehört auch die Einbeziehung der Hinterbliebenen.

Mein Dank gilt Frau Swetlana Iskra, Vladimir Ioseliani und Gunnar Anschütz, aber auch der Verwalterin der Grabanlage Tamara.

Da wir noch freie Tage hatten, konnten wir uns jetzt der anderen Seite der Wehrmachts-Medaille zuwenden.

Die dunkle Seite der Wehrmacht

Der Besuch der jüdischen Gedenkstätte Babyn Ja. Sie ist auch unzerstörbar mit Kiew und der Wehrmacht verbunden, von der mein Vater ein Teil war. Hier fand eins größten Massaker der Weltgeschichte, mit 100.000 Toten, davon 40.000 Juden, 1941 statt. Es wurde von der SS, unter dem Oberbefehl der Wehrmacht,  durchgeführt. Lange Zeit wurde in Deutschland von den Gräueltaten der Nazis freigesprochen, zumal offensichtlich die beteiligten und informierten schwiegen. Erst wissenschaftliche Untersuchung haben die Beteiligung der Wehrmacht unwiderruflich belegt. Ein Beispiel war dafür das Massaker in Babyn Ja.

Ich bin sehr froh, dass mein Vater mit diesem und ähnlichen Verbrechen nichts zu tun hatte. Das Mahnmal in Babyn Ja wird mir, ähnlich wie Yad Vashem, für immer im Gedächtnis bleiben.

Goldene Kuppeln und die Mystik, oder eine unheimliche Begegnung

Wir haben uns natürlich auch Kiews Sehenswürdigkeiten angesehen, vorzugsweise Kathedralen, Kirchen und Klöster. Wir tauchten ein in die Welt der Kirchen, Kathedralen und Klöster. Umgeben von golden Kuppeln, betenden Menschen, singenden Mönchen, tausenden brennenden Kerzen erfasste eine eigenartige fast mystische Atmosphäre. So waren wir bei der türkisfarbenen St. Andreaskirche. Sie liegt an einer der ältesten Straßen Kiews, die sich den Berg herunter schlängelt – dem Andreas steig.

Sie ist heute die Straße der Künstler und wird nicht selten das „Montmartre Kiews“ genannt. Das Kopfsteinpflaster haben beide schon mal gemeinsam rund um die Kirche befinden sich zahlreiche Stände für Souvenirs und Andenken aller Art. An einem Militaria passierte etwas Ungewöhnliches. Die Verkäuferin Elena und ihr Mann Wladimir sprachen mich mit wenigem deutsch an und wir kamen über den Grund unseres Besuches und unsere bisherigen Erfahrungen so gut es ging ins Gespräch. Anhand einer alten russischen Militärkarte, die sie mir gab, zeigte ich ihr, wo mein Vater gefallen war. Plötzlich stand sie auf und kam mit einem metallen Zigarettenetui, dass das Wappen der Artillerie der Wehrmacht trug, zurück. Ebenso einem Orden der Roten Armee. Da deutet sie unter beifälligen Kopfnicken ihres Mannes etwas verschmitzt, zugleich ernst an, was mir den Schweiß auf die Stirn trieb und unheimlich vorkam. Das Zigarettenetui wäre von meinem Vater und sei dem Toten gestohlen worden. Der vaterländische Verdienstorden sie die Auszeichnung die der Stoßtruppführer Boris für die Sprengung der Artilleriestellung meines Vaters bekommen hätte. Eine absurde und unglaubliche Geschichte. So unglaublich, dass ich sie nicht zerstören konnte und ich kaufte sie ihr ab, nicht die Geschichte, aber Etui und Orden.

Insgesamt hatte der Besuch des Grabes meines Vaters eine große Bedeutung für mich. Ich konnte die mir selbst gegebene Verpflichtung  zufrieden abschließen. Außerdem war es eine besondere Art der Erinnerung, der Mystik und der Touristik. Kiew war in vollem Umfang eine Reise wert.

Der Maidan, Mittelpunkt Kiews und Zentrum der demokratischen Ukraine
Für meine Familie gabs Matruschkas

1 Kommentar zu Die Reise zu meinem Vater !

  1. Lieber Franz Josef,

    die Beschreibung der Reise zum Grab Deines Vaters fand ich nicht nur sehr interessant sondern auch berührend. Sicherlich hast Du nun ein Stück Ungewißheit über das Schicksal aufklären können. Unglaublich die Geschichte mit dem Etui. Doch wenn Du das Foto mit der Kanone mitdem Bild auf dem Etui vergleichst – wer weiß?? So zahlreich waren die deutschen Batterien zu diesem Zeitpunkt des Krieges schon nicht mehr…

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