Mit Hexen und Zwergen

Tour-Tagebuch Lüneburger Heide Juni 2019

In der Lüneburger Heide ranken sich, wie fast überall auf der Welt, etliche Sagen und Legenden um Vampire, Raubritter, Hexen, Kultgegenstände und geheimnisvolle Orte. Über Jahrhunderte haben die Menschen Geschichten erzählt, weiter erzählt, weiter gesponnen und irgendwann aufgeschrieben. Was heute als „uraltes Erzählgut“ gilt, ist meist Wandersagen und fantasievolle Ausschmückungen kleiner Begebenheiten oder Zufällen. Jeder Weiter-Erzähler passte die Geschichte seinen persönlichen Bedürfnissen und den Zeichen der Zeit an, um die Zuhörer zumindest zu beeindrucken, wenn nicht sogar ihren Glauben oder ihr Verhalten zu beeinflussen.

Eine Erläuterung für Nicht-Biker. Zur Philosophie des Motorradfahrens

Wer noch nie auf einem Motorrad gesessen hat, kann oft noch nicht mal im Ansatz nachvollziehen, wie man sich sowas antun kann: Keine Klimaanlage, kein Radio, kein CD-Player, furchtbar gefährlich, alles ganz schlimme Verkehrsrowdys (hierzu nur soviel, dass bei 71% aller Kollisionen zwischen PKW und Motorrad der PKW-Fahrer der Hauptschuldige ist, was dem armen Biker dann aber meist nicht mehr viel nutzt).

Klar, Motorradfahren ist mehr als eine nüchterne Angelegenheit. Es gibt für mich ein paar Punkte bei der Sache, welche diese Nachteile ziemlich weit in den Hintergrund drängen. Das Gefühl der Freiheit, ungebunden zu sein, Abenteuer erleben zu können, welche man in dieser Reise mit dem Auto so nicht erleben kann.

Das Gefühl eine Landschaft buchstäblich „erfahren“ zu können. Der Flow-Effekt bei schnellen Überlandfahrten. Das Gefühl von Schräglage und vom Auto nicht erreichbarer Bremsverzögerung und Beschleunigung. Das ständig wechselnde Empfinden von Gerüchen, vom Smog bis zur herrlich duftenden Frühlingswiese und ein ungetrübter Rund umblick ohne Türholme. Diese Gefühls-Defizite versuche ich nun schon seit meinem 16. Lebensjahr in den trockenen Monaten zu füllen. Diese Zeit seit den Anfängen scheint noch nicht genug zu sein, um diese Gefühle vollständig zu befriedigen und somit als erledigt zu erklären. Da ich davon ausgehe, dass es vielen anderen genauso oder ähnlich geht, ist dies für mich die Erklärung dafür zu sein, wie man/frau zum Motorradfahren kommt.

Mittwoch, 19 Juni. Erster Tag

Die Street- Champions. Von Links Christian, Frajo, Jan, Uwe

Heute geht es für 4 Tage auf Moped-Tour. Unser Ziel ist dieses Mal die Lüneburger Heide. Unser Quartier haben wir im „Hühnerstall“ bei Frau van Felde in Soltau genommen . Christian wird dankbarer Weise die gesamte Tour navigieren. Leider hatte mein Grät kurzfristig seinen Geist aufgegeben hat. Ich freue mich auf kleine und spezielle Heide Straßen, historische Städte, auf wunderschönen Heide-Flächen, mystische Moore, frisch duftende Laubwälder und glasklare Bäche, Hexen und Zwerge. Besonders freue ich mich auf die Biker-Freunde Christian von hier und Uwe und Jan aus Nord Friesland. Beide habe ich auf unseren Urlauben kennen und schätzen gelernt habe. Unsere Maschinen waren meine Honda VT 600 Shadow, eine Kawasaki GPZ 550 (Jan) eine umgebaute 1300 Suzuki, genannt Bandit (Uwe) und eine 1000 Honda CBF (Christian). Die Maschinen sind vom Charakter völlig unterschiedlich, aber das gleichen gute Biker aus. Ich freue mich auf gemeinsames Fahren und Tage und Abende. Wir haben für angenehme Unterhaltung und zugleich für die Gesundheit gesorgt. Uwe bringt Kööm mit, ein heller/gelber Aquavit aus dem Norden. Der soll sehr gesund sein, muss aber morgens, mittags und abends getrunken werden. Wir Düsseldorfer sorgen für Killepitsch, ein Kräuterlikör, natürlich nur zur Verdauung.

Unsere Anreise bei geteilten Himmel

Wir fuhren gegen 11.00h in Düsseldorf ab, Uwe und Jan in Bohmstedt ebenso. Die A2 war „tödlich“ ununterbrochen Baustellen und unendliche LKW-Staus. Unsere Mittagspause machten wir am Kaiser-Wilhelm-Denkmal Porta Westfalica. Die letzten 100 km fuhren wir Bundesstraße entlang einer Wetterscheide. Links Gewitter und Sturm rechts Sonne. Als wir gegen 16.00h trocken ankamen, waren die beiden Nord-Friesen schon dort und hatten bereits eingekauft

Wir waren sehr gespannt, wie kommen Rheinländer und Nordfriesen miteinander aus, passt das überhaupt zusammen? Wir Rheinländer wollen unterwegs und draußen sein, und so ergibt sich eine Vertrautheit mit dem Leben. Wer von außen dazu kommt, wird integriert. So entsteht eine reizvolle Mischung. Jeder ist Teil der rheinischen Mentalität und macht sie aus. Viele Rheinländer sind offen, tolerant, mögen die Gemeinschaft, gehen auf andere zu und reden gerne und viel.  Das etwas Kumpelhafte, gesellige Gebaren ist dem Norddeutschen zutiefst fremd. Hat man jedoch durch Blutsverwandtschaft wie Motorradfahren oder Einheiraten Zugang zu einer norddeutschen Sippe gefunden, zeigt sie ihre warmherzige Seite. Da wird gelacht, getrunken und getanzt. Freundschaften mit Norddeutschen sind eine Sache fürs Leben, wenn man sie erst einmal geschlossen hat. Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit sind hier kein kulturelles Allgemeingut.

Also das soll was werden!

Donnerstag, 20 Juni. Zweiter Tag

Heute sind wir nach einem guten Frühstück zu unserer ersten Tagestour aufgebrochen. Zwar war die Wetterprognose suboptimal, für uns war das Wetter-Glas halbvoll und wir orientieren an der Besten und wurden nicht enttäuscht. Wir waren in Celle und kamen vorbei an der Gedenkstätte Bergen Belsen.

Celle ist eine wunderschöne Stadt. Sie ist südliches Tor zur Lüneburger Heide und ist ein Ort mit einer malerischen Altstadt mit über 400 Fachwerkhäusern und einem Schloss im Stil der Renaissance und des Barocks.

Wofür steht Bergen-Belsen? Wie häufig bauten Christian und ich eine KZ-Gedenkstätte in unser Programm ein. Für mich steht Bergen-Belsen für das heldenhafte Leben und den leisen Tot von Anne Frank. Massengräber und Schreckensbilder haben den Ort zum weltweiten Symbol für die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus gemacht. Mehr als 70.000 Menschen starben in Bergen-Belsen an Gewalt, Krankheit und Hunger. Heute werden hier viele Brücken zwischen Geschichte und Gegenwart geschlagen.

Ein Stein erinnert an Anne Frank und ihre Schwester Margot in der Gedenkstätte Bergen-Belsen.
© Christiane Gläser (dpa

Freitag, 21 Juni. Dritter Tag

Heute trafen wir Martin, ein ehemaliger Düsseldorfer Biker der im Wendtland sein Glück gemacht hat. Er führte uns an diesem Tag über die Elbe nach Mecklenburg-Vorpommern.

Das war ein besonderer Höhepunkt, denn wir fuhren auf einer der einzigen wirklich kurvenreichen Strecke im Norden von Amt Neuendorf nach Dömitz. Wir machten einen kleinen Abstecher in die ehemalige DDR und besuchten die „Dorfrepublik Rüterberg“ Ein Lehrbuch für alle Real-Sozialismus- Nostalgiker. Der Ort war damals die DDR in Potenz. Wegen seiner Fast-Insel-Lage am Elbogen war es gleich zweifach eingezäunt: Ein Zaun verlief gen Westen, der andere, mit verschlossenem Tor und allem Drum und Dran, gen Osten. Auch die DDR war für die Bewohner nur mit Passierschein erreichbar. Wer ein Kind bekam, schwer krank oder verletzt war, musste warten. Nachts war es so gut wie unmöglich, die Einzäunung zu verlassen, um ins Krankenhaus zu fahren. Bekannt wurde die Gemeinde durch den 1989 von ihren Bürgern, nach der Wende ausgerufenen Status der Dorfrepublik Rüterberg.

So ein Zaum sperrte den ganzen Ort Rüterberg bis 1989 ein.

Auf der Rückfahrt erlebten wir eine besondere und herzliche Gastfreundschaft. Jans Schwiegermutter wohnt in Uelzen. Ein kurzer Anruf von unterwegs und schon waren zu Kirschstreusel und Zuckerkuchen eingeladen. Ich fand das sehr ungewöhlich und bemerkenswert.

In der Walpurgisnacht zur Sommer -Sonnenwende lies es sich Uwe nicht nehmen ein Feuer zu machen. Er und Jan erzählten uns Abenteuer ihrer Jugendzeit, Mädels, Schnaps und Mopeds. Das konnten wir Düsseldorfer natürlich nicht auf uns sitzen lassen. Daraus wurde eine kurzweilige Nacht.

Samstag, 22 Juni. Vierter Tag

Heute Morgen, war unser erstes Ziel die Heide bei Egestorf.

Die Heide bei Egestorf

Anschließend fuhren wir in die Residenzstadt Lüneburg. In der mittelalterlichen Altstadt befindet sich der von gotischen Backstein-Giebelhäusern umgebene Platz „Am Sande“. Das Deutsche Salzmuseum in der ehemaligen Saline von Lüneburg veranschaulicht die Geschichte und Bedeutung der Salzgewinnung, die für den Reichtum der Stadt im Mittelalter sorgte.

Sonntag, 23 Juni. Fünfter und letzter Tag

Heute Sonntag, ein letzte gemeinsames Frühstück dann war Abschied, wie Männer so sind trockenen Auges mit Schulterklopfen. Dann ging es zurück nach Nordfriesland und nach Düsseldorf. Unsere gemeinsame Zeit war nicht nur fahrerische absolut Klasse, es hat alles gepasst. Wir waren 24 Stunden zusammen und fuhren oft eng neben oder hintereinander und brauchten volles Vertrauen in die Fahr-Kompetenz des anderen. Das Zusammenleben und Fahren hat allen so große Freude bereitet, dass wir uns spontan für eine nächste Tour in 2020 in den Harz verabredeten.

Nun ging es auf die Bahn. Uwe und Jan nach Husum und wir nach Düsseldorf. 350 km auf den überfüllten Autobahnen ist echte Schwerstarbeit, insbesondere bei der großen Hitze unter Helm und Leder. Als absolute Profis suchten wir im Stau den Weg durch die Mitte, ist besser als ein Hitzschlag zu bekommen. Ist leider verboten, wird aber von der Polizei toleriert und ist nur erfahrenen Bikern zu raten.

Wir waren zum Kaffee müde und erschöpft, glücklich und zufrieden zurück , Motorradfahren ist trotz aller Freude Kraftarbeit. Meine, inzwischen c.a. 25 Jahre alte Honda 600 VT Shadow, Spitzname „Harley für Arme“, hat sich wieder einmal bestens bewährt. Alles ist besten bestens gelaufen , die Harmonie und das Verständnis war hervorragend. Wir haben viel gesehen, aber keine Hexen und Zwerge.

2 Kommentare zu Mit Hexen und Zwergen

  1. Sehr gut geschrieben, hat mir gefallen. Allzeit gute Fahrt und immer daran denken: Die Gummiseite gehört nach unten…

    Grüße aus dem Norden
    Martin

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